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Apotheke Bühlau News Interview

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interview

mit Frau Apothekerin Sylvia Trautmann zum Urteil des Europäischen Gerichthofes (EuGH) vom 19.Oktober 2016

Sylvia Trautmann

Die Richter hatten argumentiert, der Wettbewerbsdruck könnte das Angebot verbessern, weil sich die Apotheken vor Ort dann etwas einfallen lassen. Was halten Sie von dieser Argumentation?

Bei diesem Urteil geht es nicht um die freikäuflichen Arzneimittel, für die die Abkürzung „OTC“ steht. Dafür besteht bereits seit 2004 ein harter Preiswettbewerb mit Versandapotheken. Es geht um die in Deutschland existierende Festpreisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel - Abkürzung „Rx“. Die vom Gericht genehmigten Rabatte gefährden  die flächendeckende Arzneimittelversorgung in Deutschland. Es ist dringend geboten, dass sich die Regierung und der Deutsche Bundestag mit einem Gesetz zum Versandverbot verschreibungspflichtiger Arzneimittel die Entscheidungshoheit über die Ausgestaltung des deutschen Gesundheitswesens zurückholen.

Warum sollte das Urteil solche dramatischen Folgen haben?

Für deutsche Apotheken, egal ob Präsenz-Apotheken vor Ort oder Versandapotheken,  bleibt die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel zunächst bestehen, erzeugt jedoch Wettbewerbsnachteile gegenüber ausländischen Versandapotheken und damit eine Inländerdiskriminierung. Denn ausländische Versandapotheken beteiligen sich nicht an den kostenintensiven Gemeinwohlpflichten, wie dies Deutsche Präsenz-Apotheken vor Ort tun müssen, so z.B. Bereitschaftsdienste in der Nacht und an Feiertagen, das Herstellen von industriell nicht angebotenen Rezepturarzneimitteln, die Mitwirkung am Pandemieplan, in  Katastrophenfällen, Beratungsleistungen zu Arzneimitteln u.v.m . Dies sind alles Leistungen deutscher Apotheken, die nicht wirtschaftlich, sprich nicht gewinnbringend sind, aber trotzdem von diesen erbracht werden müssen. Finanziert wird dies alles aus der Preisspanne von Rx-Arzneimitteln. Wenn diese wegbricht, bricht auch die wohnortnahe Versorgung, d.h. ein flächendeckendes Netz von Präsenz-Apotheken vor Ort weg! Die Bundesregierung und der deutsche Bundestag sind dafür verantwortlich, Rahmenbedingungen für die Erfüllung der Gemeinwohlpflichten und für die schnelle Versorgung in akuten Notfällen zu erhalten. 2 Euro Bonus je Rx-Packung bedeuten z.B. bundesweit einen Ertragsverlust von 1,24 Mrd. €. Das entspricht rund 35000 PTA-, 40000 PKA oder rund 20 000 Apothekerstellen, die ihren Arbeitsplatz verlieren würden. Weiterhin verzichten wegen der Preiskampf-induzierten Gewinnverluste der Finanzminister mit der Einkommenssteuer und die Gemeinden mit der Gewerbesteuer auf Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich!

Die Richter des EuGH weichen übrigens mit Ihrem Urteil von ihrer eigenen Rechtsprechung ab und negieren damit deutsche Grundsatzurteile! Es ist daher dringend geboten, dass sich der deutsche Bundestag und unsere Regierung ihre Entscheidungshoheit über die Ausgestaltung des deutschen Gesundheitswesens zurückholen. Denn diese soll nach europäischen Verträgen ohnehin den Mitgliedsstaaten vorbehalten bleiben.

Heißt es aber nicht, Konkurrenz belebt das Geschäft?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich besonders deutsche Versandapotheken eine wettbewerbliche Gleichstellung mit ausländischen Versandapotheken einklagen werden, um ebenfalls Boni  gewähren zu dürfen. Doch diese schaden unseren deutschen Verbrauchern mehr, als diese es jetzt ahnen: Der Preiswettbewerb bei Rx-Arzneimitteln führt unweigerlich zu Umsatz- und Margenverlusten bei allen Präsenz-Apotheken vor Ort und wird viele kleine Apotheken in Stadtrandlagen oder in ländlichen Gebieten in die Insolvenz führen. Schon jetzt erzielen 22 Prozent der Präsenz-Apotheken vor Ort weniger als vier Prozent ihres Umsatzes als Betriebsergebnis und liegen damit in einem wirtschaftlich kritischen Bereich.

Sie sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, Apotheker jammerten auf einem hohen Niveau. Was halten Sie davon?

So einfach ist die Rechnung aber nicht! Die transparente Festpreisbindung für Rx-Arzneimittel  macht das Abrechnungsprinzip der gesetzlichen Krankenkasse erst möglich und ist die Basis für viele Steuerungs- und Kostendämpfungsinstrumente in unserem Gesundheitswesen. Auf den Festpreisen basieren mehr als 21 000 Rabattverträge zwischen Arzneimittelherstellern und den gesetzlichen Kassen. Sie erzielen jährliche Einsparungen von 3,6 Milliarden Euro. Auch das Preismoratorium für Arzneimittelhersteller und die Verhandlungen über Erstattungspreise nach der frühen Nutzenbewertung der Rx Arzneimittel fußen auf der transparenten Festpreisbindung gemäß unserer AmPreisVO. All die preissenkenden Steuerungsinstrumente bei Rx-Arzneimitteln gibt’s dann nicht mehr. Richtig teuer wäre auch der Wegfall der Arzneimittelberatung.

Warum?

Vielen Patienten und Verantwortungsträger von Politik und gesetzlichen Krankenkassen ist der hohe Wert einer individuellen Arzneimittelberatung der  Präsenz-Apotheken bei der Selbstmedikation gar nicht bewusst.  Prof. Dr. Uwe May hat in einer gesundheitsökonomischen Analyse die volkswirtschaftlichen Werte einer Selbstmedikation den Kosten von Arztbesuchen und Kassen-Belastungen gegenüberstellt:  1 Euro Kosten bei der Selbstmedikation spart 17,60 Euro in der Volkswirtschaft ein! Die Krankenkassen sparen also bei der Selbstmedikation durch den Wegfall der Arzthonorare und der Rezeptkosten mehrere Milliarden Euro ein. Obwohl der aufgeklärte Patient diese kostenlose Beratungsleistung häufig in Vor-Ort-Apotheken in Anspruch nimmt und obwohl bekannt ist, dass Versandapotheken trotz gesetzlicher Pflicht diese Beratung ihren Versandkunden gegenüber kaum leisten, wird dieses schützenswerte Gut ohne Not aufs Spiel gesetzt. Die Preisfreigabe von Rx-Arzneimitteln ist der marktwirtschaftliche Schritt zu großen Apothekenketten. Mit Oligopol-Strukturen im Vertrieb werden hier Preissteigerungen mittelfristig wahrscheinlich. Das wird die solidarisch aufgebaute Versichertengemeinschaft  in der gesetzlichen Krankenkasse finanziell in große Gefahr bringen. Außerdem werden die Einsparmöglichkeiten bei den Arzneimitteln sowieso überschätzt.

Weshalb?

„Der Anteil der Arzneimittelumsätze innerhalb der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung betrug 2015 nur 2,3 Prozent. Dieser Anteil ist weitaus weniger als der Kostenanteil der Verwaltungsausgaben der GKV oder der Wertschöpfungsanteil der Pharmahersteller am Arzneimittel in den Gesamtausgaben der GKV. Systemrelevante Einsparungen zu Gunsten der GKV können die Apotheken daher nicht einmal generieren, wenn sie ihre Leistungen kostenlos anbieten würden! Die Bundesrepublik befände sich mit einem Verbot des Versandhandels von Rx - Arzneimittel in bester Gesellschaft. Dieses existiert nämlich in großen Teilen der EU.“

Wenn es einem Fünftel der Apotheken so schlecht geht, haben wir dann zu viele in Deutschland?

Zu viele Apotheken haben wir in Deutschland keineswegs. Mit 25 Apotheken pro 100 000 Einwohner, in Sachsen sind es 24, liegt die deutsche Apothekendichte unter dem Europa-Durchschnitt von 31. Frankreich, Spanien, Belgien oder Griechenland haben viel mehr. Bereits jetzt reduziert sich die Apothekenzahl  in Deutschland allmählich, in ländlichen Gebieten gibt es bereits viele weiße Flecken.“

Wenn ich im Ausland Arzneimittel zum halben Preis kaufe, ist es doch gut. Da kann es mit dem Ende der Preisbindung doch noch günstiger werden?

„Bei diesem Preisvergleich sprechen wir von den generellen Preisunterschieden freikäuflicher Arzneimittel (OTC), die zwischen verschiedenen Ländern für ein und dasselbe Arzneimittel existieren können. Diese Preisunterschiede liegen eindeutig im Verantwortungsbereich der jeweiligen Pharmahersteller und richten sich nach den landesüblichen Marktpreisen für das jeweilige Arzneimittel. Denn andere Länder haben andere Preismärkte.  Aber auch die Mehrwertsteuer und die jeweiligen landesinternen Gesetzesgrundlagen zur Preisberechnung von Arzneimitteln sind in jedem EU-Land verschieden geregelt.

Anders sieht es bei den in Deutschland festpreisgebundenen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus: Hier verdient der deutsche Apotheker ein Festhonorar, den sog. Apothekenfestzuschlag. In der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) ist gesetzlich bundesweit einheitlich genau festgelegt, dass „zur Berechnung des Apothekenabgabepreises ein Festzuschlag von 3 Prozent zuzüglich 8,35 Euro zuzüglich 16 Cent zur Förderung der Sicherstellung des Notdienstes sowie die Umsatzsteuer zu erheben“ sind. Der Apotheker ist somit „auf der Verkaufsseite“ preisneutral gestellt, da der Festzuschlag gesetzlich vorgeschrieben und unabhängig vom Grundpreis des Arzneimittels erhoben wird. Das heißt,  dass bei Apotheken keine prozentuale Aufschläge möglich sind wie sonst der übliche Handel frei kalkulieren darf. Durch das Verbot von Naturalrabatten und die Beschränkung von Barrabatten ist die Apotheke auch „auf der  Einkaufsseite“ preisneutral gestellt, so dass der Festzuschlag gemäß AMPreisV tatsächlich einem Fixhonorar gleichkommt.

Zusätzlich hat der Gesetzgeber die Apotheken im Fünften Sozialgesetzbuch verpflichtet,  der gesetzlichen Krankenkasse einen Apothekenabschlag („Rabatt“) von 1,77 € pro Packung Rx- Arzneimittel einzuräumen, wenn diese an GKV-Versicherte abgegeben werden. Also: Apothekerverkaufspreis = nicht rabattfähiger Großhandelseinkaufspreis plus 3% plus 8,35 € Festzuschlag plus 0,16 € minus 1,77 € ! Nicht mehr und nicht weniger beträgt der Aufschlag, den jeder Apotheker auf eine Rx -Arzneipackung machen darf! Ein Unternehmerlohn für den freiberuflichen selbstständigen  Apotheker ist dies jedoch noch lange nicht. Aus diesem Aufschlag muss der Apotheker seine unrentablen, kostenintensiven Gemeinwohlpflichten, all seine Miet-, Personal- und sonstige Betriebskosten und seine Altersvorsorge zu 100 % selber finanzieren!

Dies macht klar: Ein ruinöser Preiswettbewerb zerstört die flächendeckende Arzneimittelversorgung für dringende, akute Notfälle und verringert die unverzichtbare Arzneimittelexpertise vor Ort. Sie garantiert aber mit Beratung Sicherheit und Verbraucherschutz, welche genauso wichtig sind wie Lehrer für unsere Kinder, wie unsere Polizei oder wie unsere Bundeswehr. Also ist sie ein durch Demokratie erworbenes, soziales Gut und daher schutzwürdig!

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Apotheke?

„Meine Apotheke läuft im mittleren Durchschnitt derzeit normal. Ich liebe meinen Beruf sehr, weil ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern  täglich viel Nutzen für Patienten geben kann. Wenn aber das System der Festpreisbindung für Rx Arzneimittel durch leichtsinnige, neoliberal beseelte Unwissenheit einiger Medien oder  Politiker zerstört wird mit der Forderung eines maroden Preiswettbewerbs bei Rx Arzneimitteln, dann wird das System des freiberuflichen Apothekenwesens existenziellen Gefahren ausgesetzt. Ich fordere alle politischen Verantwortungsträger dazu auf,  die Arzneimittelexpertise des Apothekers vor Ort zu erhalten, da diese die Gesundheit der Bevölkerung erhält und wieder herzustellen hilft.